Samstag, 19. August 2017

Artikel: Kinder haben, aber keine Familie

Annette Loers a.k.a. Mutterseelesonnig schrieb vor einigen Wochen einen leicht augenzwinkernd melancholischen Beitrag, der für meine Begriffe genau den Nerv trifft, der für sehr viele Alleinerziehende besonders wichtig ist, aber nicht immer so offen angesprochen wird. Ich teile ihn hier zusammen mit meinen Gedanken dazu, weil ich denke, dass vielen Alleinerziehenden geholfen wäre, wenn es in ihrer Nähe ein Haus ... mit Familiengefühl gäbe.

Wenn man seinen Partner durch ein tragisches Unglück oder Krankheit verliert, wenn der Traum von einer Familie zum Albtraum wird, wenn man betrogen wurde und gehen muss oder es einfach nicht mehr in der Zweierkostellation plus Kids aushält - und alleinerziehend wird - dann bedeutet das oft mehr als nur den Verlust des/r Partners/in.
Es verlässt einen nicht nur ein/e Partner/in, sondern ein Plan fürs Leben und oft auch das familiäre und freundschaftliche Netzwerk, in dem trotz allem auch eine Art Sicherheit garantiert war.
Viele Alleinerziehende geraten allein deshalb, dass sie allein sind, noch mehr ins Abseits, weil die alten Freunde dann in einer anderen Realität leben, nur vom Hauskauf schwärmen, vom nächsten Urlaub oder dem Wochenende im Kreise der Familie oder, weil sie auf hohem Niveau vom Quasi-Alleinerziehendsein jammern. Einige fürchten um ihre Ehe, wenn ein/e bedürftige/r Single zugegen ist und lassen die Freundschaft im Sande verlaufen. Sogar manch Familienmitglied wendet sich dann ab - weil die Not so groß zu sein scheint, dass man fürchtet, mit zu "ertrinken" oder weil man mit der Trennung nicht einverstanden war.

Halt
Aber auch das eigene Bewusstsein darum, dass man kein doppeltes Netz hat, kann für viele Alleinerziehende zusätzlich lähmend sein. Ein ähnlicher Punkt ist, dass man erst lernen muss, neue Wege zu gehen, um aufzutanken:

"meine Familie ist eine Einbahnstraße: ich gebe Halt, spende Trost, fühle mit, bringe wieder zum Lachen. Ich bekomme das nicht, von niemandem. Weil kein Familienmitglied außer mir erwachsen ist." (Mutterseelesonnig, 2017)


Ich selbst habe irgendwann kleine Oasen für mich entdeckt, bin viel aufmerksamer für mein Gefühl, sowohl emotional als auch gesundheitlich geworden, freue mich an Kleinigkeiten, zwinge mich zu einem regelmäßigen Rhythmus und durchbreche ihn gelegentlich, beides aus dem Grund, meinen Akku aufladen zu wollen und zu müssen. Doch das ist ein Prozess.
Viel zu leicht bekommt man es anfangs mit der Angst zu tun, man trauert Dingen und Menschen nach, immer wieder begegnet man Erinnerungen und kann oft nicht einmal genug Abstand zu(r/m) Ex gewinnen - wegen der Kinder.
Die Kraft, die Orientierung im Chaos der Gefühle, in der Flut aus Aufgaben bekommt man am besten im Kreise seiner Liebsten, erwachsener Liebsten. Vertrauen ist dabei das Allerwichtigste. Ein einfaches Telefonat kann schon viel bewirken, so dass man z.B. auch trotz einer bevorstehenden, unmöglich scheinenden Aufgabe (z.B. einer Gerichtsverhandlung) statt die Nacht nervös durchzumachen, einschlafen kann. Eine kurze Umarmung kann so viel Kraft geben, dass man noch wochenlang davon zehrt. Wirklich. Ich habe gelernt, mir diese irgendwie so einzuteilen.
Doch genau diese vertrauten Menschen sind nicht immer dann verfügbar, wenn ein/e Alleinerziehende/r gerade wieder ... auf dem Zahnfleisch kriecht. Mir persönlich würde es helfen nicht nur eine beste Freundin, sondern fünf zu haben. Es wäre schön, wenn meine Eltern nicht so weit weg lebten und jünger wären. Ich will weder sie, noch meine Freundin allein einspannen. Aber wen soll man sonst an sein Innerstes heranlassen? Wen kann man in seine nach Wochen Magen-Darm-Chaos unaufgeräumte Wohnung hinein bitten? Wer kann einfach vorbeikommen und die Wäsche abhängen, ohne, dass man darüber sprechen muss? Wer kann sich wortlos mit dem Kind auf den Spielplatz begeben, während ich eine von Dreihundert versäumten Stunden Schlaf nachhole? Wo kann man hingehen, ohne sich groß verabreden zu müssen?

Freiräume
Ein weiterer Punkt sind die "Freiräume".
Immer wieder beneiden mich verheiratete Freundinnen um die kinderfreien Wochenenden. Bevor ich ihnen ewig erkläre, dass diese Wochenenden nicht das sind, was sie sich da ausmalen, sage ich einfach nur etwas Pauschales wie: Man wünscht sich immer das, was man nicht hat. Manchmal lade ich sie aber auch ein, sich ein Bild von meinem Wochenende zu machen, und sie verstehen manchmal.

Für einen erwachsenen Menschen, ist es in einer Partnerschaft (oder für Alleinerziehende bis zu einem gewissen Alter) spannend, kinderfreie Wochenenden zu haben. Bei uns Alleinerziehenden ist das so eine Sache mit der "freien Zeit". Hat man wirklich Zeit und ist einigermaßen fit, muss es dann noch so sein, dass die beste Freundin zufällig am gleichen Wochenende ihren Geburtstag feiert, dass genug Geld für einen Kurztrip da ist, dass man mit Freunden um die Häuser zieht und sich ausgerechnet dann der lange vernachlässigten Partnersuche widmet. Aber bitte keine Hoffnungslosigkeit aufkommen lassen: Man freut sich schon darauf und manchmal schafft man es auch, sich etwas Schönes, wahrlich Freizeittypisches zu gönnen. Bei größeren Kids, mit einem funktionierenden Netzwerk hinter sich, können diese Wochenenden wieder besser für "sich" genutzt werden.
Vorher aber, nutzt man diese Zeit vor allem für Liegengebliebenes, für das, was man mit Kindern nicht so gut schafft. Bei mir lässt dann erstmal das Adrenalin nach und ich falle um, ins Bett. Erst an Tag zwei oder drei kann ich, sofern ich in kein tiefes Loch falle, ein/zwei der Hundert Dinge von meinem Zettel erledigen. Dann kommt mir auch manchmal ein Gedanke wie Mutterseelesonnig:

"Ich wollte [doch] keine kinderfreien Wochenenden und kinderfreie Ferien. Ich wollte eine Familie." (Ebda.)

Sie schreibt weiter, dass diese "freien" Tage zu kurz sind, um Hobbies nachzugehen, sich ein Parallelleben aufzubauen oder einen Partner zu suchen, aber zu lang, um die Leere auszuhalten.

Die Tatsache, dass man auch sonst nicht als Familie betrachtet wird, z.B. steuerlich, macht es nicht leichter, aber das ist ein anderes Thema. Der Artikel endet mit einem humorvollen, selbstkritischen Blick auf sich. Ich schmunzle etwas und denke: Das ist es! Es ist sicherlich nur für mich eine neue Erkenntnis:

Alleinerziehende brauchen ein Haus mit vielen Menschen, Familienersatz und einfach ein Haus, bestenfalls mit Garten. Das Grüne S.O.f.A. erfüllt diese oft unausgesprochenen Wünsche und Bedürfnisse schon seit 22 Jahren. Man geht hin und bekommt ein Pflaster auf die aufgeschürfte Seele, allein vom gemeinsamen Kaffetrinken oder Kochen, davon, dass man sich in der Gruppe zurücklehnen kann, ohne das Kind wieder in Fremdbetreuung geben zu müssen. Man ist kein Bittsteller oder Opfer, das sich selbst irgendwo einladen muss, sondern unter ebenbürtigen Menschen, denen es genau so geht, denen man nicht lange erklären muss, aber kann (ohne entsetzte und mitleidige Blicke), wie es einem geht. Es sind die wachsenden Freundschaften, das sich nicht absprechen und verabreden Müssen. Es sind die Sonn- und Feiertage die sonst oft traurig wären, weil alle anderen mit ihren "echten Familien" spazieren gehen u.v.m.

Nun denn, ich hoffe einfach, dass dieses erfolgreiche und mir am Herzen liegende Konzept im nächsten Jahr mit einem neuen Haus fortgeführt werden kann.
Bitte überlegen Sie kurz, ob Sie helfen können. Vielleicht kennen Sie jemand, der jemanden kennt, der von einer Immobilie weiß, die wir günstig anmieten könnten oder helfen Sie uns gern mit einer Spende für den Umzug. Auch Ihre Ideen sind willkommen!

Veranstaltungen im Dezember

Liebe S.O.f.A.-Besucher! Das Jahr geht zuneige und wir haben noch etwas in petto! Wir haben tatsächlich noch ein paar letzte Termine für e...